So ist Russland

Auf meine Russlandreise im Herbst 2023 – die erste seit «Corona» – habe ich mich besonders gefreut. Während gut drei Wochen habe ich Freunde in Moskau, St. Petersburg und einem kleinen Ort in der Nähe von Uljanowsk besucht. Vorab: Unverändert ist die Herzlichkeit und Sorgsamkeit, die man in Russland antrifft, nicht nur die meiner Bekannten. 

Wer Russland bereist, kennt sie: beim Einkaufen, im Restaurant, beim Reisen und im persönlichen Umgang sowieso. Die allermeisten Leute sind höflich, hilfsbereit und aufmerksam, etwas was mir seit jeher aufgefallen ist und mich immer wieder aufs Neue berührt. Selbst in der Riesenmetropole Moskau, die mir bei jedem Besuch grösser und geschäftiger erscheint, ist das so. Ich habe auch 2023 keine mürrischen Fahrkartenverkäuferinnen, Kellner, Verkäufer und Busfahrerinnen erlebt. Der Geschäftsalltag mag hart sein, zu spüren ist das im Alltag wenig.

Gespräche mit Freundinnen und Freunden drehten sich, abgesehen von viel persönlichem, natürlich auch um die feindselige gewordene Stimmung im «Westen», die natürlich registriert wird und um den Krieg in der Ukraine. Die veränderte Stimmung im Westen und Geschichten über die Ausgrenzung von russischen Menschen, Reisebeschränkungen (die ziemlich konsequent als Schikanen bezeichnet werden) oder Startverbote für Sportlerinnen und Sportler werden mit Bedauern und Unverständnis zur Kenntnis genommen. Trotzdem habe ich niemanden angetroffen, der sich für «Gegenmassnahmen» und eine Abschottung Russlands stark macht. «Lautsprecher» in Medien, welche als Rache die Einnahme von Berlin fordern, «ДУРАК» oder mit noch schlimmeren Bezeichnungen bedacht. Ernst nimmt sie niemand.

Nach meiner Beobachtung hat sich nach den wirklich schwierigen Gorbatschow- und Jelzin-Jahren eine grosse Mehrheit auf einem Weg der Öffnung hin zu Europa gesehen. Der westliche «way of life» übte eine Faszination aus, ohne dass man auf die eigene Identität und lieb gewonnene Traditionen verzichtet hat. Diese Stimmung hat sich merklich abgekühlt. Niemand in Russland denkt daran, Menschen in Deutschland, Grossbritannien oder der Schweiz «Ratschläge» zur politischen Ordnung oder zu gesellschaftlichen Fragen zu erteilen. Man nimmt quasi achselzuckend zur Kenntnis, dass einiges anders gemacht wird, als in Russland – was die Durchsetzung von Regeln anbelangt zum Beispiel. Die Enttäuschung über die «Zurückweisung» ist gross und «Belehrungen» kommen auch bei meinen Grunde europafreundlichen Freundinnen und Freunden nicht gut an. Russinnen und Russen zwar (meistens) höflich aber auch selbstbewusst und stolz. 

Natürlich drehten sich Gespräche auch um den Krieg gegen die Ukraine. Anders als bei uns oft kolportiert werden solche Diskussion durchaus kontrovers geführt. Geopolitische Fragen, der Schutz der russischstämmigen Bevölkerung und sicherheitspolitische Fragen werden ins Feld geführt und es ist auch hier Enttäuschung über den «Westen» zu spüren. Man argumentiert, dass ohne die Zustimmung der Sowjetunion die Wiedervereinigung Deutschlands nicht möglich gewesen wäre und dass Russland die Erweiterung von NATO und EU in Richtung Osten lange hingenommen hat. Man sieht aber immer stärker eine Gefahr aufziehen, dass die Eigenständigkeit und die eigene Kultur längerfristig wirklich bedroht sein könnte und da findet man es richtig, dass sich Russland dem entgegensetzt. Wie gesagt: Russinnen und Russen sind selbstbewusst und stolz auf ihre Kultur, ihre Traditionen und und ihren «way of life».

Trotzdem wird der Krieg in der Ukraine bedauert und zum Teil auch kritisiert. In allen Gesprächen wurde deutlich, dass man sich einen Waffenstillstand wünscht, und das rasch. Hass auf die Ukrainerinnen und Ukrainer habe ich keinen erlebt, dafür Bedauern über den Konflikt mit einem «Brudervolk», zu dem viele Russinnen und Russen nach wie vor persönliche Verbindungen haben, und die Hoffnung auf eine Versöhnung.
B.S., Zürich

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