Zu Gast bei Puschkin Büsten in der Schweiz

Zur Erinnerung an die Errichtung der Puschkin-Büste im Hof des Slavischen Seminars der Universität Basel trafen sich am fünften Jahrestag Initiant Rolf A. Kyburz, Lehrbeauftragte Dr. Clea Wanner und Felix Werner, Präsident der Gesellschaft Schweiz-Russland (v.l.).

Es gibt auch ein Büste von Puschkin in Sisikon/Uri

Am 24. September 2011 wurde die Puschkin-Büste in Sisikon/UR als 10. Puschkin-Denkmal ausserhalb Russlands in feierlichem Rahmen enthüllt. Vielen Dank für die Fotos an den Initianten und Moderator der Feier, Rolf A. Kyburz.

Puschkin gilt für die meisten seiner Landsleute als der russische Nationaldichter – mit weitem Abstand vor im Ausland wohl bekannteren Schriftstellern wie Tolstoi, Dostojewski, Gogol oder Pasternak.

Bis zum Einmarsch Napoleons in Moskau 1812 sprach die russische Oberschicht Französisch. Nach dem darauf folgenden Brand Moskaus fragte man sich, warum man eigentlich die Sprache des Feindes spreche. Puschkin bereitete in seinen Gedichten, Dramen und Erzählungen der Verwendung der Umgangssprache den Weg; er schuf einen erzählerischen Stil, der Drama, Romantik und Satire mischte – einen Stil, der seitdem untrennbar mit der russischen Literatur verbunden ist und zahlreiche russische Dichter massiv beeinflusste.

Der Alexander-Sergejewitsch-Puschkin-Preis und die Puschkin-Medaille wurden ihm zu Ehren benannt. In Russland gibt es zahlreiche Benennungen nach Puschkin, unter anderem das ehemalige Zarskoje Selo (seit 1918 Puschkin) und das Puschkin-Museum.

Jens Mühling – mein russisches Abenteuer

Weit hinter Moskau liegt das echte, das «russische» Russland.

Fast ein Jahr lang reist Jens Mühling durch Russland und porträtiert aus ganz persönlicher Perspektive eine Gesellschaft, deren Lebensgewohnheiten, Widersprüche, Absurditäten und Reize hierzulande nach wie vor wenigen vertraut sind. Auf seiner Reise erlebt er unglaubliche Begegnungen: Eine Einsiedlerin in der Taiga, die erst als Erwachsene erfahren hat, dass es jenseits der Wälder eine Welt gibt. Ein Mathematiker, der tausend Jahre der russischen Geschichte für erfunden hält. Ein Priester, der in der atomar verseuchten Sperrzone von Tschernobyl predigt. Ihre Lebensgeschichten fügen sich zu einem faszinierenden Porträt der russischen Seele

«Das Buch von Jens Mühling ist eine spannende und lehrreiche Reise durch das altertümliche und moderne Russland. Obwohl die russische Seele wohl immer unbegreiflich bleiben wird, werden die Leser dem Geheimnis etwas näher auf die Spur kommen.»  www.russlandjournal.de

Gusel Jachina – Wolgakinder

n der Weite der Steppe am Unterlauf der Wolga siedeln seit dem achtzehnten Jahrhundert Deutsche.1916 führt Jakob Bach in dem kleinen Dorf Gnadental ein einfaches Leben als Schulmeister, das geprägt ist von den Rhythmen der Natur. Sein Leben ändert sich schlagartig, als er sich in Klara verliebt, eine Bauerntochter vom anderen Ufer der Wolga. Doch ihre Liebe kann sich den Ereignissen nicht entziehen, die die Revolution und die Gründung der Deutschen Republik an der Wolga mit sich bringen.

Die Übersetzung wurde gefördert vom Institut for Literary Translation, Russland.

«Gusel Jachina fesselt ihre Leser von der ersten bis zur letzten Seite.» Neue Zürcher Zeitung

Alexander von Humboldt – die Russlandexpedition

Mit seiner Russland-Reise im Jahr 1829 erfüllte sich für Alexander von Humboldt ein Jugendtraum. Nach dem Südamerika-Unternehmen dreissig Jahre zuvor war es seine zweite grosse Expedition – die bislang jedoch weitaus weniger bekannt ist.

Auf Einladung des Zaren Nikolaus I. bereiste Humboldt die Weiten des eurasischen Kontinents bis an die chinesische Grenze. Mehr als 18’000 Kilometer haben er und seine Begleiter während der Reise zurückgelegt. Während Humboldt die Natur erforschte – Berge und Gesteine, Tiere und Pflanzen und vor allem das Klima -, durchmass er zugleich ein Imperium, das sich in einer Phase der Repression befand. Von politischen Zwängen konnte auch er sich nicht freihalten.

Aus den Reisebriefen Humboldts an den russischen Finanzminister, an den Bruder Wilhelm und den Freund Francois Arago sowie dem Bericht seines Begleiters Gustav Rose hat Oliver Lubrich eine mehrstimmige Erzählung von dieser Expedition zusammengestellt. Sie vermittelt ein lebhaftes Bild des schon damals international berühmten Gelehrten, aber auch des einfühlsamen Bruders und Freundes.

Hans Hofbauer Feindbild Russland

Hannes Hofbauer verfolgt das Phänomen der Russophobie zurück bis ins 15. Jahrhundert, als der Zar im Zuge der kriegerischen Reichsbildung gegen Nordwesten zog. Es ging um Herrschaft, Konkurrenz und Meereszugang. Der Kampf um reale wirtschaftliche und (geo)politische Macht wurde auch damals schon ideologisch begleitet: Der Russe galt seinen Gegnern als asiatisch, ungläubig, schmutzig und kriecherisch, Stereotypen, die sich über Jahrhunderte erhalten haben.

Das Feindbild-Paradigma zieht sich wie ein roter Faden durch die Rezeption Russlands im Westen. Aktuell reagiert diese empört auf die Politik des Kreml, der mit der Machtübernahme Wladimir Putins innenpolitisch auf Konsolidierung und aussenpolitisch auf Selbständigkeit setzt. Die Wegmarken der neuen Feindschaft sind zahlreich.

Gedenken an Hans Erni

Das von Hans Erni gestaltete Plakat mit dem aus heutiger Sicht harmlosen Plakattext «Wir erstreben freundschaftliche und vertrauensvolle Beziehungen zwischen unserem Lande und der Sowjetunion» bewog die Schweizerische Bundesanwaltschaft und dem Bundesrat zu einer massiven Reaktion. Am 27. Februar 1945 beschloss der Bundesrat, gestützt auf Art. 102, Ziffer 8 und 9 der Bundesverfassung, den Anschlag des Plakats in der ganzen Schweiz zu verbieten. Die darin enthaltene «Propaganda für eine kriegsführende Macht» sei «aus Gründen der Neutralität unzulässig».

Hans Erni wurde für seine aktive Unterstützung zum Landesverräter gestempelt und von den Behörden observiert. Sogar eine von ihm gestaltete und zu diesem Zeitpunkt bereits gedruckte Schweizer Banknotenserie wurde zurückgezogen und vernichtet.

Diese Reaktion von Regierung und Bundesbehörden hatten einen erbitterten medialen Streit zur Folge. «Was ist denn an diesem verbotenen Plakat zu beanstanden – ausser dem Verbot?» fragte zum Beispiel die Basler National-Zeitung und sprach von einer «kleinlichen, ans Schikanöse grenzenden Polizeimassnahme, die durch nichts gerechtfertigt ist». Die «Berner Tagwacht» bezeichnete den Entscheid als «völlig abwegig und unhaltbar, von einem unmöglichen Gehirn ausgeklügelt». Sogar hohe Beamte der «Abteilung für Auswärtiges», dem damaligen Aussenministerium der Schweiz, kritisierten den Entscheid aus dem Bundeshaus.

Am 6. April 1945 musste der Bundesrat einlenken, wenn auch mit einer Bedingung an die GSS und den Künstler Hans Erni: «Der Bundesrat ist der Auffassung, dass das Plakat gestattet werden könnte, wenn darauf die Schweiz und die Sowjetunion in gänzlich verschiedenen Farben dargestellt würden.» Als dieser Beschluss der Regierung an der Delegiertenversammlung am 8. April 1945 im Kongresshaus Zürich vorgelesen wurde, verzeichnete das Protokoll «schallende Heiterkeit».

<strong>«Hans Erni im Kalten Krieg»</strong>
Laudatio von Prof. Dr. Georg Kreis anlässlich einer Ehrung von Hans Erni durch die Gesellschaft Schweiz-Russland am 17. April 2010
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<div class=“paragraph“>Wir würdigen heute Hans Erni weniger als Künstler, denn als homo politicus. Künstlerische Ehrungen hat er zuhauf bekommen, in Form von Auszeichnungen und Medaillen und – was am meisten zählt – in Form von Ausstellungen. Auch das Ehrenbürgerrecht der Stadt Luzern von 2004 gilt in allerersten Linie der künstlerischen Lebensleistung.

Das Schaffen von Hans Erni lässt sich allerdings nicht, wenn ich das so sagen darf, auf Kunst reduzieren. Es ist in hohem Mass auf das Soziale in der doppelten Form des fundamental Menschlichen und des aktuell Gesellschaftlichen ausgerichtet und – zwischen beidem – auf die natürliche Umwelt. Auch das ist bereits gewürdigt worden. Ist jetzt noch eine politische Würdigung nachzutragen? Wenn ja, was ist damit gemeint? Dass er wegen seines Engagements auf schwarzen Listen stand?

Die folgenden zwei Dinge hängen zwar zusammen, sollten aber auseinandergehalten werden: Das eine ist das politische Engagement, das andere ist die persönliche Benachteiligung, die er deswegen erlitten hat. Es ist naheliegend, dass wir uns heute an das politische Engagement vor allem darum erinnern, weil wir in der späten Skandalisierung gerne die Benachteiligung in Erinnerung rufen wollen. Dies an einer berühmten Persönlichkeit, deren hoher Status die Benachteiligung besonders skandalös erscheinen lässt.

<strong><em>Hans Ernis politisches Engagement von 1944 bis 1956</em></strong>

Was meinen wir, wenn von Hans Ernis politischem Engagement die Rede ist? Gemeint ist weniger sein patriotischer Einsatz 1942 für den landwirtschaftlichen Mehranbau, der nicht weniger patriotische Einsatz bereits 1946 für das Frauenstimmrecht in der Schweiz, der Einsatz 1947 für das Gesetz zur obligatorischen Alters- und Hinterlassenenversicherung AHV, später für den Umweltschutz (zu dem eigentlich auch das Engagement gegen Atomwaffen gehörte) und der Einsatz für den schweizerischen UNO-Beitritt im Jahre 2002.

Gemeint ist vielmehr Hans Ernis Einsatz in den Jahren 1944 bis 1956 für ein von der Sowjetunion angeführtes und geprägtes Friedensverständnis. Hinzu kam der Wunsch nach einer Normalisierung der schweizerisch-sowjetischen Beziehungen. Diesen Wunsch hatten nach den langen Jahren der Störung dieser Beziehungen viele, ja die meisten, allerdings aus unterschiedlichen Motiven. Die Sowjetunion der Nachkriegszeit dürfte Erni nicht nur sympathisch, sie dürfte ihm in vielem ein Modell mit Vorbildcharakter gewesen sein. Die Verstaatlichung zum Beispiel der Elektroindustrie hätte er offensichtlich befürwortet (Darstellung “Das sozialisierte Kraftwerk”, 1945).

Die hohe Wertschätzung der Sowjetunion ragte damals bis ins Bürgertum hinein. Dies sei nicht in Erinnerung gerufen, um damit zu beweisen, dass es sich schon deswegen um etwas Anständiges gehandelt haben muss, sondern um auf das hohe Ansehen hinzuweisen, dass die UdSSR damals genoss. Hans Erni war Mitglied des Schweizerischen Friedensrats, aber nie Mitglied der nach Moskau ausgerichteten Partei der Arbeit PdA, und er betrieb auch keine Parteipolitik. Auch dies sei nicht zur Ehrenrettung hier festgehalten, denn man konnte damals durchaus PdA-Mitglied und trotzdem “ein guter Schweizer” sein. Das heisst, sein Land lieben und sich mit demokratischen Mitteln für eine sozialere Gesellschaft einsetzen, auch wenn nicht alle der Parteigarde dem in gleicher Weise nachkamen.

<strong><em>Hans Ernis war kein Parteisoldat und distanzierte sich vom Panzerkommunismus</em></strong>

Hans Erni hat Ende 1944 für die Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion ein Plakat gestaltet, das sich für „freundschaftliche und vertrauensvolle“ Beziehungen einsetzte und visuell die „Weltgeltung“ der UdSSR zum Ausdruck brachte. Ausdruck seines Engagements war ferner die Teilnahme 1948 am kommunistischen „Weltkongresses der Intellektuellen für den Frieden“ in Wroclav/Breslau, wo er unter anderen auch Picasso wieder begegnete.

Kein Zweifel: Wäre Hans Erni nur ein gewöhnlicher Parteisoldat gewesen, es wäre nicht aufgefallen und hätte wenig gestört. Es störte aber, dass er als Künstler mit seinem Ansehen – wie andere als Intellektuelle mit ihrem Ansehen – einem weltanschaulichen Lager Glanz verlieh, das zwar idealistische Ziele beanspruchte, sich zugleich aber – direkt oder indirekt – in den Dienst eines totalitären Regimes stellte.

Die Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn 1956 quittierte Erni dann mit einer klaren Distanzierung vom Panzerkommunismus und von der Gewaltaktion, welche die Hoffnung auf eine Verständigung zwischen Ost und West “auf den Grundsätzen der Humanität und des Fortschritts” zerstörte. Der kommunistisch beeinflussten Weltfriedensbewegung blieb er aber über diese Zäsur hinaus noch eine Weile treu. So gestaltete er für die Welttreffen 1955 für Helsinki und 1958 in Stockholm ein Plakat mit Friedenstaube in der Picasso-Tradition.

<strong><em>Hans Ernis persönliche Benachteiligung von 1945 bis 1966</em></strong>

Was meinen wir nun, wenn von Hans Ernis persönlicher Benachteiligung die Rede ist? Der freischaffende Künstler erlebt allerhand Boykotte. Die Liste der Sanktionen reicht vom Verbot des Plakates für die Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion 1945 über die entzogenen Aufträge für Briefmarken 1949 und für die neuen Banknoten 1950 bis zur Verhinderung 1951 der Teilnahme an der Kunst-Biennale von Sao Paolo und der “offiziellen Ignorierung” der Künstlerpersönlichkeit bis 1967.

Dies immer wieder begleitet von gehässigen Pressekommentaren und Parlamentarierdemarchen – und kontinuierlich seit 1948 verfolgt von der dummen Aufmerksamkeit des Staatsschutzes. Im Mai 1949 wurde auf seiner 37 Seiten umfassenden Fiche festgehalten, dass Hans Erni (wörtlich) “einer der gefährlichsten Linksextemisten der Schweiz” sei.

Der Reformaufbruch der 1960er Jahre wirkte sich dann in doppelter Weise aus: zum einen als Fundamental-Liberalisierung, die den Akteuren fortgeschrittenen Alters mehr Spielraum gab. Zum anderen als Radikalisierung der jungen Linken und damit automatisch auch zur Radikalisierung ihrer argwöhnischen Begleiter der Bundespolizei. Die jüngere Generation erfuhr in den 1960er und 1970er Jahren das, was die älteren Dissidenten und mit ihnen Hans Erni in den 1940er und 1950er Jahren erlebt hatten.

<strong><em>Hans Ernis späte Rehabilitierung ab 1966</em></strong>

Teil der Fundamental-Liberalisierung war, dass der verfemte und inzwischen bald 60jährige Künstler 1966 auf Initiative des Schaffhauser Stadtpräsidenten und SP-Nationalrates Walther Bringolf in Schaffhausen eine grosse Werkausstellung erhielt und 1967 vom neuen Luzerner Stadtpräsidenten Hans-Rudolf Meyer endlich auch den Kunstpreis seiner Vaterstadt sowie einen Gestaltungsauftrag für das lokale Hallenbad zugesprochen bekam. Schon 1964 war Erni auch an der Schweizerischen Landesausstellung Expo zu sehen und 1965 konnte er für die Schweiz wieder Briefmarken gestalten.

Bedeutsam erscheint mir das vom Luzerner Stadtpräsidenten Hans-Rudolf Meyer in seiner Erklärung von 1967 ausformulierte und bemerkenswert ehrlichen Eingeständnis: Es sei kein Geheimnis, „dass es nicht künstlerische, sondern politische Gründe waren, die zur offiziellen Ignorierung der Künstlerpersönlichkeit Ernis in unserer Stadt führten“.

Hans Erni hat keine Rehabilitierung nötig. Fragt sich höchstens, ob im Zuge der wohlfeilen Entschuldigungen von staatlicher und halbstaatlicher Seite (gemeint sind zum Beispiel die damalige PTT) wenn nicht eine Entschuldigung, so doch ein Ausdruck des Bedauerns nachgereicht werden soll. Es ist mir aber nicht wohl dabei, wenn man das für einen erfolgreichen Künstler und nicht gleichzeitig für alle anderen Opfer der grösseren und kleineren Hexenjagden forderte. Angefangen beim Kunsthistoriker und sozialistischen Intellektuellen Konrad Farner, der in den 1940er Jahren die Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion nachhaltig prägte, bis zum anonymen SBB-Angestellten und kleinen Dorfschullehrer.

<strong><em>Hans Erni erhielt trotz Diskriminierung Aufträge aus der Welt des Kapitalismus</em></strong>

Hans Erni war nicht der einzige und in dieser Beziehung kein einsamer Held. Er hat wohl Einbussen in Kauf nehmen müssen, aber kaum existentiell gelitten. Erni ist mit seiner Kunst seinen Weg gegangen und hat sich dabei wohl wenig um die Frage geschert, ob er damit in der bekannten Aufteilung den schmalen und entsagungsvollen oder den breiten und bequemen Weg ging.

Hans Erni hat auch im „Osten“ ausstellen dürfen. Dies wurde ihm von Kommunistenfressern hämisch als zusätzliche Gewinnmöglichkeit unter die Nase gehalten. Wenn ihm dies überhaupt einen Vorteil gebracht hätte, wäre das nur ein ganz kleiner Ausgleich für Einbussen gewesen, die er wegen eines Idealismus im schweizerischen Westen in Kauf nehmen musste.

Anderseits war es schon ein bemerkenswertes Phänomen, dass gerade grosse und prestigiöse Unternehmen der Privatwirtschaft, welche die Welt des Kapitalismus verkörperten, nicht davor zurück schreckten, Hans Erni auch in den kälteren Zeiten des Kalten Krieges Aufträge zu geben. Die Biografie verzeichnet Auftragswerke 1944 vom Pharmaunternehmen CIBA (der heutigen Novartis), 1945 von der Mustermesse Basel MUBA, 1957 und 1967 von der Swissair, 1959 von Nestlé, 1963 vom Schweizerischen Bankverein und 1966 von der Schweizerischen Bankgesellschaft (heute gemeinsam die UBS).

<strong><em>Hans Erni als Parade-Fall und Lektion für unsere Gesellschaft</em></strong>

Weil aber Hans Erni ein sehr bekannter Kunstschaffender geworden ist, hat auch seine Diskriminierung eine gewisse Bekanntheit erfahren. Sein Fall ist zu einem Parade-Fall geworden. Der “Fall Erni” kann aber auch als Lektion verstanden werden, die uns lehrt, wie selbst freiheitlich eingerichtete Gesellschaften und Staatsgebilde gegen ihre eigenen Prinzipien verstossen können und sich damit – in kleinen Ansätzen – dem Gegner annähern, den sie bekämpfen und gegen den sie sich glauben wehren zu müssen.

Bei Ehrungen stellt sich stets die Frage, bei wem am Schluss eigentlich die Ehre liegt: beim Geehrten oder beim Ehrenden. Es gehört von alters her zum hehren Geschäft der Ehrungen, dass alle Beteiligten in den Genuss von Ehre kommen, unter Umständen sogar der Lobredner. Ehre also dem geehrten Maler Hans Erni, Ehre also der ehrenden Gesellschaft Schweiz-Russland, Ehre auch dem Publikum, das den Ehrenanlasses mit seiner Anwesenheit beehrt.

Was aber ist eigentlich Ehre? Bei der Ehrung von Hans Erni durch die Gesellschaft Schweiz-Russland kann sich unser Verständnis an einer mittelalterlichen Praxis orientieren, welche in der Ehre ein Medium zur Konfliktbesänftigung sah. Das bedeutet, dass wir uns – selbst bei mehr oder weniger unterschiedlichen Haltungen und bei unterschiedlichen historischen Herkünften – gegenseitig achtenswerte Beweggründe für unsere Arbeiten an der stets verbesserungsbedürftigen Welt zuerkennen. Dazu darf hüben wie drüben gehören, dass man zuweilen das Richtige will, aber das Falsche tut und sogar das Falsche will und dabei das Richtige tut.

Verhandlungen statt Eskalation

Die Gesellschaft Schweiz-Russland (GSR) setzt sich seit beinahe 100 Jahren für ein friedliches Zusammenleben und Verständigung zwischen den Kulturen ein. Anlässlich ihrer Reaktivierung 2020 hat die GSR die Förderung und Pflege gegenseitiger Kontakte zwischen den Menschen aus Russland und der Schweiz definiert, weil diese eine wichtige Voraussetzung für Verständnis und gegenseitigen Respekt zwischen Menschen verschiedener Kulturen sind.

Dass das fortwährende Drehen an der Eskalationsschraube nicht zu Frieden führt, ist offensichtlich. Auch dieser Konflikt wird nur durch Verhandlungen gelöst werden können. Je länger damit zugewartet wird und je mehr Waffen geliefert werden, desto mehr Menschen sterben, desto grösser sind die Schäden und desto tiefer sind die Wunden, die sich auftun und die später mit grossem Aufwand wieder geheilt werden müssen.

Die GSR sieht sich regelmässig mit Forderungen nach Statements, Distanzierungen, Verurteilungen und zu allen möglichen «Bekenntnissen» konfrontiert. Das Präsidium widersetzt sich Versuchen, die GSR zu instrumentalisieren und wird am eingeschlagenen Kurs festhalten. Was es aus Sicht der GSR zum gegenwärtigen Konflikt in der Ukraine zu sagen gibt, hat sie in verschiedenen Statements festgehalten, die im online-Archiv nachgelesen werden können.

An konkreten Aktivitäten sind unter anderem Kulturreisen nach Russland geplant, es soll ein Austausch Studierender aufgebaut und die Zusammenarbeit von Kulturinstitutionen aus beiden Ländern gefördert werden. Leider kann die GSR ihre vorgesehenen Aktivitäten zum persönlichen und kulturellen Austausch unter den gegenwärtigen Bedingungen nur schwer realisieren. 

Amateur am Elbrus

SRF-Korrespondent Christof Franzen auf einer Expedition zum Berg Elbrus. Der Berg ist hoch, kalt und unberechenbar. Jedes Jahr fordert der 5642 Meter hohe Vulkan seine Opfer. Christof Franzen ist bergunerfahren und stellt sich der Herausforderung.

Der Jenissei – Sibiriens Schicksalsstrom

Der Jenissei ist ein etwa 3487 km langer Fluss bzw. zusammen mit seinem rechten Quellfluss Großer Jenissei rund 4092 km langer Strom in Sibirien. Als wichtige Schifffahrtsstrasse wird er sibirischer Meridian genannt, da er ungefähr in der Mitte von Sibirien etwa entlang des 90. Längengrades von Süd nach Nord zur Karasee des Polarmeeres fliesst.

1917. Revolution. Russland und die Schweiz

1917 kommt es in Russland zu zwei Revolutionen, die sich einschneidend auf das Land und das Weltgeschehen auswirken. Zu dieser Zeit leben tausende Schweizerinnen und Schweizer in Russland – Unternehmer, Bauern, Lehrerinnen. Umgekehrt halten sich russische Künstler, Intellektuelle und Sozialisten in der Schweiz auf, auch Lenin. Es gab vor und nach der Oktoberrevolution vielseitige Verflechtungen der Schweiz mit den revolutionären Ereignissen in Russland. Sie werden mit acht umfangreichen Beiträgen und einem grosszügigen Bildteil in diesem Band ausgelotet, der anlässlich einer Sonderausstellung des Schweizerischen Nationalmuseums zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution erscheint.